Abschlussbericht SIBU

Siril Wallimann/ Januar 28, 2018/ Allgemein/ 3Kommentare

Meine neunmonatige Umschulung an der Sehbehindertenhilfe (SBHprofessional) – neu Schweizerische Fachstelle für Sehbehinderte im beruflichen Umfeld (SIBU) – ist nun zu Ende. In diesem Blogbeitrag blicke ich auf meine Zeit in Basel zurück. Meine ersten Eindrücke der Schule findest du auf: https://www.siril-wallimann.ch/quartalsbericht-sbh-basel/

Wechsel des Schulgebäudes
Im Sommer 2017 musste die SBH wegen Renovationsarbeiten ihren Standort an die Hochstrasse 31 in Basel wechseln. Aus diesem Grund absolvierte ich in meiner letzten Woche vor den Sommerferien  ein Orientierungs- und Mobilitätstraining, damit ich den schwierigen Schulweg über den Bahnhof alleine gehen konnte. Bald musste ich jedoch die Erfahrung machen, dass mein neuer Schulweg aus diversen Gründen eine grosse Herausforderung für mich ist. Beispielsweise konnte der Bus am Bahnhof nicht immer am selben Ort halten. Das sorgte jedes Mal für eine grosse Verwirrung und hatte zur Folge, dass ich mich immer neu orientieren musste. Zusätzlich führte mein Schulweg über mehrere Perrons und Gleise. Dies stresste mich enorm, da man viele Geräusche hörte und zudem schnell reagieren musste. Nachdem ich mit meiner Ausbildungskoordinatorin, Frau Pannier, über dieses Problem gesprochen habe, hat sie mir mehrere Taxigutscheine ausgehändigt, damit ich den Schulweg sicher bewältigen konnte. Über diese Unterstützung war ich sehr dankbar.

Wohnungswechsel
Vor den Sommerferien habe ich ausserdem meine ganzen Utensilien vom Blindenheim eingepackt, damit ich nach den Ferien mit meinen Freunden in einer Wohngemeinschaft leben konnte. Diese Wohnung war glücklicherweise nur zwei Häuser vom Blindenheim entfernt. Wir hatten dort wöchentliche Gespräche mit den Sozialarbeitern, um allfällige Probleme zu besprechen. Die Schlafzimmer wurden durch Raumpfleger/innen gesäubert. Die Küche durften wir selber putzen.

Ein Einblick in mein Reich in Basel

Wohnzimmer für gemütliche Abende mit meinen WG-Kameraden

Ausblick aus meinem Zimmer

Namenswechsel der Schule
Im Dezember 2017 bekamen wir die Information, dass die SBH ab sofort SIBU heissen wird. Aus Sehbehindertenhilfe Basel wurde nun Schweizerische Fachstelle für Sehbehinderte im beruflichen Umfeld. Neue Internetseite: www.sibu.ch

Seit dem Winter 2016 können Sehbehinderte der Westschweiz berufliche Dienstleistungen der SIBU direkt von deren Schwester-Organisation SRIHV, „Service Romand d’Informatique pour Handicapés de la Vue“, in Lausanne beziehen.

Computerraum der SIBU in Basel

Ruheraum für Schüler der SIBU

Und das wichtigste – ein Kaffe Automat mit Brailleschrift

Den geeigneten Beruf mit einer Sehbehinderung finden
Gleich nach meinem Start an der SBH Basel kümmerte ich mich um meine Zukunft. Dabei bekam ich Unterstützung von meiner Ausbildungskoordinatorin in Basel. Da Sie jedoch auch keine Berufsberaterin ist, füllten wir zusammen einen Fragebogen aus, um weitere Berufsideen zu finden. Dieser Fragebogen war aber nicht für Sehbehinderte gedacht. Ich bekam Berufsvorschläge wie beispielsweise Pilotin, Ärztin oder Kosmetikerin. Wir bemerkten schnell, dass wir mit diesem Test nicht weiterkommen.

Bei einer Besprechung mit meiner Ausbildungskoordinatiorin in Basel

Aus diesem Grund kontaktierte ich das Berufsinformationszentrum (BIZ) in Sarnen. Dort wurde ich jedoch wegen meiner Sehbehinderung abgewiesen. Folglich durfte ich auch leider kein persönliches Gespräch mit einer Berufsberaterin führen. Das BIZ Stützte sich auf die Tatsache, dass die Invalidenversicherung für mich zuständig sei und eigene Berufsberater hätten.

Völlig frustriert mit dieser unerwarteten Abwehrhaltung holte ich mir meine Informationen mit einer privaten Unterstützung selber zusammen. Peter Korner unterstützte mich beispielsweise mit seinen zahlreichen Inputs, damit ich den richtigen Weg für mich selber finden konnte. Für seine Hilfe bin ich sehr dankbar. Im Anschluss meldete ich mich zusammen mit meiner Ausbildungskoordinatorin für diverse Infoveranstaltungen an und führte zahlreiche Interviews durch. Auch hier war es überraschend mitzuerleben, dass ich wegen meiner Sehbehinderung nicht an allen Infoveranstaltungen und Schnuppertagen teilnehmen durfte.

Zürcher Fachhochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW)
Nach meinem Krankenhausaufenthalt wurde mir klar, dass ich einen anderen beruflichen Werdegang einschlagen möchte. Ich hatte das Bedürfnis, den Mensch mit all seinen Fassetten besser kennenzulernen und zu verstehen. Der Beruf des Psychologen faszinierte mich sehr, da ich selber erfahren durfte, wie der Mensch im Zentrum des Psychologen steht.

Nach der Infoveranstaltung für den Studiengang Bachelor of Science für angewandte Psychologie an der ZHAW wurde mir klar, dass ich dort mein Traumstudium beginnen möchte. Dementsprechend füllte ich die Bewerbungsunterlagen für das Teilzeitstudium aus. Ich konnte mein Glück kaum fassen, als ich wenige Wochen später zum Aufnahmeverfahren eingeladen wurde.

In der ersten Eignungsabklärung wurde das Textverständnis sowie das Allgemeinwissen geprüft. Für das Textverständnis wurde jedem Bewerber ein wissenschaftlicher Text ausgehändigt. Ziel war es nach einer vorgeschriebenen Bearbeitungszeit den Fragebogen nur mit Hilfe seiner eigenen Notizen zu beantworten. Das Textverständnis durfte ich mit einem Nachteilsausgleich am Laptop mit „Jaws“ absolvieren. Das Allgemeinwissen wurde mündlich geprüft.

In der zweiten Eignungsabklärung führten jeweils sechs Bewerber miteinander ein Gruppengespräch durch. Das Thema war vorgegeben. Später folgte ein Einzelgespräch mit zwei Psychologinnen. Zum Abschluss wurde jedem Teilnehmer ein Fragebogen ausgehändigt, welcher beantwortet werden musste.

Vor knapp zwei Monaten bekam ich dann die unglaubliche Nachricht, dass ich die Eignungsabklärung bestanden habe. Ich hatte einer der hundert Studienplätze erhalten, auf welchen sich über fünfhundert Interessenten beworben haben.

Nachteilsausgleich während dem Studium
Die Stabstelle „Diversity“ ist für die Gleichstellungs-, Diversitätsförderung und Sensibilisierung an der Zürcher Fachhochschule zuständig. Aus diesem Grund hatte ich am Montag, 22. Januar 2018, ein Gespräch mit Frau Annette Kahlen, zu welchem mich Herr Michel Sommer von der SIBU begleitete.

Wir konnten miteinander festlegen, dass ich für schriftliche Prüfungen einen Zeitzuschlag bekommen werde und diese in einem separaten Raum mit meinen eigenen Hilfsmitteln absolvieren darf. Ausserdem wird Frau Kahlen meine Dozenten und Mitstudenten in einem E-Mail vorgängig darüber informieren, dass ich eine Sehbehinderung habe und darum manchmal auf Hilfe angewisen bin. Damit ich mich jedoch so weit es geht selbständig in Zürich und dem Schulgebäude orientieren kann, erhalte ich von der Fachstelle Sehbehinderung Zürich ein Mobilitätstraining. Die ZHAW schaut mit der SIBU, dass die Lehrmittel und Skripten barrierefrei für mich zugänglich sind. Ausserdem erhalte ich auf die schulinterne Lehrplattform eine Umschulung, damit ich diese auch mit Jaws bedienen kann.

Externe Unterstützung während dem Studium
Glücklicherweise steht mir die SIBU weiterhin während meinem Studium mit einer sehbehindertentechnischen Unterstützung zur Seite. Diese wird auch Supported Education genannt. Sie ist dafür da, dass Sehbehinderte eine Erfolgreiche Absolvierung einer Ausbildung oder Umschulung im nicht geschützten Bereich machen können. Damit dies funktioniert , beachtet man folgende fünf Erfolgsfaktoren:

Erfolgsfaktor 1: Transparente Kommunikation der Sehbehinderung und der eigenen Bedürfnisse
Erfolgsfaktor 2: Effizienter Einsatz von Hilfsmitteln und kompensatorischen Arbeitstechniken
Erfolgsfaktor 3: Angepasste Lehrmittel und effiziente Notiztechnik
Erfolgsfaktor 4: Chancengleichheit bei Qualifizierungsmassnahmen (Nachteilsausgleich)
Erfolgsfaktor 5: Effiziente Selbstorganisation

Rückblick über die letzten 9 Monate in Basel
Im Januar 2017 fand der Einstufungstag an der SBH statt. Ich absolvierte diverse Prüfungen, damit mich die Schule in die richtige Klasse einstufen konnte. Trotz einem guten Bauchgefühl hatte ich Respekt und Angst vor dieser neuen Herausforderung, welche mich im April 2017 erwartete.

Nachdem ich ein Orientierungstraining in Basel bewältigt hatte, richtete ich mir meine Wohnung im Blindenheim ein. Das war der erste Moment, in welchem mir klar wurde, dass ich nun auf mich allein gestellt bin. Am Morgen vor meinem ersten Schultag lernte ich meine Mitschüler kennen. Wir waren über 20 Leute und wurden schnell zu einem guten Team.

Der Schulalltag wurde zu einem grossen Vergnügen. Einerseits hatte ich tolle Lehrer, von denen manche auch eine Sehbehinderung hatten. Es war eine grosse Bereicherung von ihnen geschult zu werden und sich Tipps für den Alltag von ihnen zu holen. Andererseits lernte ich durch die Schule sympathische Menschen kennen, die ich sonst nie kennengelernt hätte.

Ich schätzte die Hilfe meiner Ausbildungskoordinatorin, Frau Pannier, sehr. Sie unterstützte mich in jeder Situation und interessierte sich sehr für das Wohlbefinden jedes Klienten. Sie begleitete mich auf dem Weg meiner Berufsfindung und kam mit mir an diverse Infoveranstaltungen. Ohne diese Hilfe wäre ich nun nicht an dieser Stelle, an welcher ich nun stehe. Ein riesen Dankeschön dafür!

Wenn ich etwas an der Schule ändern könnte, so wäre dies das Unterrichtstempo. Ausserdem fand ich es schade, dass uns die Hilfsmittel erst nach drei Monaten vorgestellt wurden. Ich fände es sehr gut, wenn man jeden Schüler vor dem ersten Schultag mit seinen Hilfsmitteln ausrüsten könnte. Ansonsten verliert man sehr viel Zeit, die man anders nützen könnte. Eine Woche vor meinem Austritt bekam ich von der Invalidenstelle Obwalden die Information, welche Hilfsmittel ich für das weiterführende Studium in Zürich in Anspruch nehmen darf. Da diese Verfügung erst so spät gekommen ist, erhielt ich auf einem Gerät keine Umschulung. Ich frage mich, wie ich dieses Hilfsmittel nun in vier Wochen bedienen und an der Fachhochschule regelmässig einsetzen sollte.

Des Weiteren finde ich es schade, dass unsere Selbständigkeit im Blindenheim nicht besser gefördert wurde. Mein Ziel war es, nach diesen neun Monaten wieder ein wenig kochen zu können. Aus diesem Grund kauften ich und meine Mitbewohner unser Essen selber ein. Später machten wir daraus ein Menü. Trotzdem mussten wir dem Blindenheim, obwohl wir dort nichts konsumierten, pro Tag CHF 20.– für Mahlzeiten abgeben. Ich hätte es auch für gut empfunden, wenn wir unsere Wohnung selber hätten putzen müssen. Den was bringt uns eine Umschulung, wenn wir danach nicht selbständig in einer Unterkunft wohnen können?

Trotz dieser kleinen Kritik fand ich die Zeit in Basel äusserst positiv. Ich durfte viele persönliche Fortschritte machen und selbständiger werden. Des Weiteren finde ich es klasse, dass ich während des Studiums von der SIBU unterstützt werde. Ich freue mich auf meinen neuen Lebensabschnitt!

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3 Kommentare

  1. Bravo siril. Liebe Grüße von grosi und nonnon 😍

  2. Ja das kochen war eine grosse Herausforderung aber haben wir gut gemeistert.

  3. Beim Lesen dieses Blogs bringt es viele Erinnerungen zurück, einige schlecht, viele gut. Ich fühle mich ein bisschen verloren, da ich seit unserer Abreise kein Essen mehr gekocht habe … Ich freue mich darauf, Sie bald wieder zu sehen!

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